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GWS Geschichtswerksttte GmbH Die Eidgenossenschaft im Abseits
     

Die Eidgenossenschaft im Abseits

  1. Die wirtschaftliche, kulturelle und politische Randlage der Innerschweiz führt zur Bildung der Eidgenossenschaft.
  2. Es gelingt den Habsburgern nicht, zwischen Alpen und Oberrhein ein geschlossenes Territorium aufzubauen. Ihr Interesse konzentriert sich zunehmend auf die östlichen Teile ihrer Ländereien.
  3. Die landesherrliche Schwäche Habsburgs ermöglicht die Erweiterung der Eidgenossenschaft.
  4. Das eidgenössische Kriegertum entwickelt eine von der politischen Führung unabhängige Eigengesetzlichkeit.
  5. Trotz grosser militärischer Schlagkraft führt die diplomatische Ohnmacht der Eidgenossen zur Beschränkung ihres territoralpolitischen Handlungsspielraums.

Die Randständigkeit der Waldstätten

In der Innerschweiz erklärt sich Habsburgs Schwäche als landesherrliche Macht vorwiegend aus dem territorialpolitischen Desinteresse gegenüber den Waldstätten. Die Eidgenossenschaft bildet sich im 14. Jahrhundert, weil das Land am Vierwaldstättersee in einer wirtschaftlichen und politischen Randzone liegt. Die Waldstätten befinden sich gewissermassen in einem Machtvakuum, dessen Einbau in einen grösseren Territorialverband für keinen Landesherrn sich zu lohnen scheint.
Die Grnde für das landesherrliche Desinteresse liegen auf der Hand: Die Landwirtschaft von Uri, Schwyz und Unterwalden ist auf Selbstversorgung ausgerichtet. Sie haben nichts zu bieten, was eine Herrschaft zu einer Stadtgründung oder zur Errichtung eines burgengestützten Amtsbezirks hätte reizen können. Es gibt keine Rohstoffe wie Salz oder Metallerze und keine international bedeutsame Transitroute. Der Gotthardpass scheint zwar schon seit 1230 durch die Erschliessung der Schöllenenschlucht begehbar gemacht worden zu sein, aber noch um 1300 spielt er im Vergleich zum Brenner oder zum Grossen St. Bernhard eine zweit- oder drittrangige Rolle.

Charetalp im Muotatal. Die abgelegene, karge Alp wird seit dem 10. Jh. mit Schafen bestossen.

Harzbrennibalm ob Ried bei Amsteg. Als subsidiäres Gewerbe der ländlichen Unterschicht wird unter dem natürlichen Felsschirm aus Nadelholz Harz gesotten.

Fundkarte mittelalterlicher Münzen, geprägt in Mailand. Die Karte zeigt, dass bis gegen 1400 der Gotthard vom grossen Transitverkehr noch umgangen wird. Nach B. Schärli.
Prägung vor 1300
Prägung nach 1300

Die Orientierung der Habsburger nach Osten

Mit dem Erwerb Niederösterreichs 1278 beginnt sich das habsburgische Interesse nach Osten zu orientieren. Doch bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts sind die Herzöge von Habsburg-Österreich darum bemüht, die Bischofsstadt Basel in ihre Hand zu bekommen. Basel liegt im natürlichen Zentrum des weitläufigen habsburgischen Herrschaftskomplexes zwischen Elsass, Schwarzwald und Alpenrand. Wäre dieser Erwerb gelungen, hätten die Habsburger die fehlende Residenzstadt inmitten ihres ursprünglichen Hausguts erhalten.
Weil es den Habsburgern nicht gelingt, ihren verstreuten Güterverband zwischen Elsass und Alpen zu einem geschlossenen Territorium auszubauen, beginnt ihr Interesse an den Vorlanden zu schwinden.
Habsburg wendet sich den Waldstätten auch dann nicht zu, als der Gotthardpass im späten 14. Jahrhundert als internationale Transitroute deutlich an Bedeutung gewinnt. 1363 erbt das Haus Habsburg die Grafschaft Tirol mit der erstrangigen Alpentransversale über den Brenner. Wer damals im Besitz der Brennerroute war, hatte es kaum nötig, die Hand nach dem Gotthard auszustrecken.

Habsburg, Stammsitz des Hauses Habsburg, gegründet im 11. Jh.

Auf dem Felsen des Lopper beginnen die Habsburger um 1230 mit dem Bau einer Burg, die aber nie fertiggestellt wird.

Ausschnitt aus dem sog. Kleid der Königin Agnes, einem Prunkgewand aus dem 14. Jh.

Die territoriale Ausdehnung der Eidgenossenschaft

Die Eidgenossen denken bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts noch nicht an eine territoriale Abgrenzung gegen Habsburg-Oesterreich. Erst im späten 14. Jahrhundert vertieft sich die Grenze zwischen habsburgischem und eidgenössischem Boden.
Auch den Habsburgern dürfte das eidgenössische Bündnissystem anfänglich kaum ein Dorn im Auge gewesen sein. Erst allmählich werden sie sich bewusst, dass an der südlichen Peripherie ihres Machtbereichs ein unberechenbarer, militärisch schlagkräftiger, wirtschaftlich allerdings schwacher Nachbar sitzt.
Die territoriale Expansion der Eidgenossen in Richtung Aare und Rhein erfolgt grösstenteils auf Kosten Österreichs, das militärisch zu wenig Schlagkraft entwickelt, um dem Vordringen der Eidgenossen Einhalt zu gebieten. Zudem scheint Österreich weder ökonomisch befähigt noch politisch gewillt, grössere Geldmittel zur Behauptung seiner Territorialmacht einzusetzen. Das gibt den wohlhabenden, militärisch auf die Hilfe der Miteidgenossen abgestützten Städten wie Bern, Luzern oder Zürich die Gelegenheit, die habsburgische Landesherrschaft auszuhöhlen. Die Eidgenossen rücken jedoch auch in Gebiete Savoyens, Mailands und des Bischofs von Basel vor.
Das Haus Habsburg hat durch sein Versagen als Ordnungsmacht nicht nur den Zusammenschluss der drei Waldstätten ausgelöst, sondern auch die Bildung eines expansiven Bündnissystems zwischen Alpen und Rhein ermöglicht, aus dem am Ausgang des Mittelalters die staatliche Existenz der Schweiz herauswachsen sollte.

Bundesschwur der Luzerner auf dem Weinmarkt 1332, nach der Luzerner Chronik des Diebold Schilling.

Die Bewohner der March leisten den Schwyzern den Huldigungseid, 1437.

Engnis des Monte Piottino ("Plattifer") bei Rodi-Fiesso. Südlicher Endpunkt des militärischen Hilfskreises im Zürcher Bund von 1351.

Eigengesetzlichkeit des Kriegertums

Die grossen Schlachten des Spätmittelalters entwickeln sich aus Konfliktsituationen, die durch eidgenössische Provokation entstehen. Die umliegenden Fürstenhäuser empfinden einen Krieg mit den Eidgenossen als lästig, steht doch der Aufwand für einen militärischen Erfolg in keinem Verhältnis zum denkbaren politischen oder wirtschaftlichen Gewinn. Deshalb versuchen auswärtige Mächte, bewaffnete Konflikte mit den Eidgenossen auf dem Verhandlungsweg zu umgehen.
Die politische Führungsschicht der Eidgenossenschaft, namentlich in den grossen Städten, ist häufig nicht abgeneigt, die Möglichkeit einer gütlichen Einigung zu nutzen, vor allem wenn Wirtschaftsprivilegien oder Soldverträge winken. Oft aber werden aussichtsreiche Verhandlungen durch eigenmächtiges Vorgehen von jugendlichen Kriegergruppen, die der bäuerlichen Bevölkerung des Alpenraums entstammen, zum Scheitern gebracht.
Im Spätmittelalter entwickelt das eidgenössische Kriegertum eine Eigengesetzlichheit, die sich nur schwer in die Pläne der Obrigkeit einfügen lässt. So sind die Eidgenossen zwar jederzeit in der Lage, einem Gegner dank der Wildheit, der Gewandtheit und der todesverachtenden Tapferkeit ihrer Kriegerscharen in der Schlacht und im räuberischen Kleinkrieg fürchterliche Verluste beizubringen. Solche Erfolge in einen diplomatischen Sieg mit politischem Gewinn umzuwandeln, ist aber nicht ihre Stärke.

Innerschweizer Krieger sammeln sich zum Zug vom "Thorechten Leben" (Saubannerzug), 1477.

Schlacht von Laupen 1339, Darstellung des 15. Jh's. Spiezer Chronik des Diebold Schilling.

Schlacht zwischen Schweizer Reisläufern und Landsknechten, 16. Jh.

Militärische Schlagkraft und territorialpolitische Ohnmacht

Das Überleben der Eidgenossenschaft beruht hauptsächlich auf den militärischen Erfolgen ihres Kriegertums. Dieses erweist sich in der Schlacht und im Kleinkrieg den ritterlichen Gegnern als überlegen und teilt mit seiner Aggressivität mehr Schläge aus, als es einstecken muss.
Trotz der unbestreitbaren Schlagkraft der Eidgenossen im Krieg sind wenig Gebiete militärisch erobert worden. Eroberungen können am Verhandlungstisch selten behauptet werden, deshalb versprechen Erwerbungen durch Kauf oder Pfandschaft dauerhafteren Erfolg.
Ungeachtet der Schlagkraft im Feld führt die Ohnmacht am Verhandlungstisch zwangsläufig zur Begrenzung des territorialpolitischen Handlungsspielraums auf Gebiete, die ausserhalb der Interessensphären ausländischer Mächte liegen. Im 16. Jahrhundert hat die Schweiz eine Ausdehnung erreicht, die an die Grenzen ihrer expansiven Kräfte stösst und von den ausländischen Mächten gerade noch hingenommen wird. Basel, Schaffhausen, Genf und die südlichen Teile des nachmaligen Kantons Tessin markieren die äussersten Eckpfeiler eines territorial kompakten Gebildes, das von einem Kleinstaat mit eigenen Mitteln und mit Duldung der benachbarten Mächte behauptet werden kann.

Tagsatzung zu Stans und Vermittlung durch Bruder Klaus 1481. Im sog. "Stanser Verkommnis" werden durch Kompromisse Gegensätze überbrückt, ohne dass die politischen Probleme gelöst würden.

Bannerträger der eidgenössischen Orte, nach der Berner Chronik des Diebold Schilling.

Zusammenrottung der Gesellschaft zum Hund, einer verschwörerischen Kriegerschar aus dem Oberwallis, um 1410.