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GWS Geschichtswerksttte GmbH Schutz und Schirm
     

Schutz und Schirm

1. Unfreiheit bringt herrschaftlichen Schutz.
2. Die Eidgenossen kümmern sich selbst um den Schutz und Schirm, weil sie sich nicht auf die Habsburger verlassen können.
3. Das Bevölkerungswachstum macht den Landesausbau notwendig.
4. Die Rodungsfreiheit nützt den Bauern nichts, denn sie wollen herrschaftlich geschützt werden.
5. Im Marchenstreit zwischen Schwyz und Einsiedeln kann Habsburg nicht zwei Konfliktparteien schützen. Die eine kündet deshalb den Gehorsam auf.

Das Schutzbedürfnis

Das Leben des mittelalterlichen Menschen ist durch Naturkatastrophen, Seuchen, Kriegshandlungen und Fehden bedroht. Daraus ergibt sich die Suche nach Schutz zum Beispiel in Religion, volkstümlichem Brauchtum und Zauberei, aber auch in der persönlichen Bindung an einen Schutzherrn. Seinem Schutz unterwirft man sich und ist ihm dafür zu Gehorsam verpflichtet. Die Verpflichtung zum Gehorsam besteht nur, solange der Schutzherr auch wirklich zu schirmen vermag.
Unfrei zu sein heisst im Mittelalter also, an einen Schutzherrn gebunden zu sein. Unfreiheit hat im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu einer schützenden Gemeinschaft durchaus positive Qualitäten.

Burg und Kirche von Seedorf. Mittelpunkt einer kleinen Grundherrschaft in Uri.

Burgruine Attinghausen. Im 13./14. Jh. lebte hier das mächtigste Geschlecht des Landes Uri.

Spätmittelalterlicher Huldigungseid. Bäuerliche Untertanen schwören den Vertretern der eidgenössischen Obrigkeit Gehorsam.

Ständebild des Spätmittelalters mit den Pflichten der einzelnen Stände gemäss der göttlichen Weltordnung: Die Bauern (unten) haben zu arbeiten.

Freiheit im Mittelalter

Freiheit bedeutet im Mittelalter nicht persönliche Freiheit, sondern ein Privileg, wie zum Beispiel die Marktfreiheit oder Souveränität, die Reichsfreiheit eines Gebiets.
Freiheit im modernen Sinn wäre im Mittelalter keineswegs ein grundsätzlich erwünschter Idealzustand, sondern würde ein Leben ausserhalb einer schützenden Gemeinschaft bedeuten.
Das aufklärerische Freiheitsideal des 18. Jahrhunderts orientiert sich an der Vorstellung von Freiheit in einer durch Gesetz und Verfassung garantierten Ordnung. Im Mittelalter ist Ordnung jedoch an Herrschaft gebunden.
Im Bundesbrief von 1291 bleiben die überkommenen Herrschaftsverhältnisse ausdrücklich bestehen. Von persönlicher Freiheit ist nirgends die Rede.
Die Entstehung der Eidgenossenschaft gilt zu Unrecht als Befreiungsakt von der österreichischen Territorialherrschaft. Habsburg ist an der Innerschweiz nicht interessiert. Deshalb nimmt es seine territorialherrlichen Schutzverpflichtungen nur ungenügend wahr. Der Zusammenschluss von 1291 ist eine Selbsthilfemassnahme wegen unwirksamer Herrschaft und keineswegs ein Befreiungsakt gegen tyrannische Vögte.
Die militärische Schlagkraft der Eidgenossen bildet die Voraussetzung für den Erfolg dieser Selbsthilfemassnahme.

Reichsadler auf dem Titelblatt der Schweizer Chronik von Petermann Etterlin (1507). Die Reichsunmittelbarkeit gewährt den Eidgenossen kaiserlichen Schutz und Schirm und garantiert ihnen die Souveränität.

Empfang Kaiser Sigismunds durch die Berner im Jahre 1414. Spiezer Chronik des Diebold Schilling.

Klosterkirche von Murbach im Elsass. Dieses Kloster war in der Innerschweiz reich begütert. Klösterliche Herrschaft stand im Ruf, viel Bewegungsfreiheit zu gewährleisten: "Unter dem Krummstab ist gut leben".

Landesausbau

Durch Zuwanderung und stetiges Bevölkerungswachstum entsteht die Notwendigkeit zur Erschliessung neuen Kulturlands und zur Anlegung neuer Siedlungen. Dieser Prozess, der im 12. - 14. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreicht, wird als Landesausbau bezeichnet.
Beim Roden setzt man einfachste Mittel ein. Die wichtigsten Instrumente sind Axt und Reuthaue. Grosse Bäume lässt man durch Abschälen der Rinde verdorren, um sie dann brandzuroden. Die Übernutzung durch das weidgehende Vieh, das die Rinde und die jungen Triebe abfrisst, führt zur Lichtung des Waldes.
Auch im Gebirge wird der Landesausbau vorangetrieben. Auf günstigen Böden und Terrassen legen die Innerschweizer bis in Höhen von 1700 m ü. M. Dauersiedlungen an. In der Alpregion setzt die Waldrodung erst ein, wenn Gletscher und Felsen keine weitere Ausdehnung der Weide nach oben mehr zulassen. Die hochalpine Rodung führt zur Verschiebung der Waldgrenze in tiefere Lagen und zur Preisgabe der ursprünglichen, höchstgelegenen Alpstafeln zugunsten leichter erreichbarer Siedlungsplätze.

Rodungsvorgang gemäss dem Sachsenspiegel: Der Leiter der bäuerlichen Rodungsgruppe erhält vom Grundherrn die verbriefte Rechtsordnung ausgehändigt.

Stilisierte Rodungsszene - Kampf des Menschen gegen den Wald - auf einer Initiale einer Handschrift des Klosters Engelberg, um 1200.

Rodungsrechte

Nach mittelalterlichem Recht gehört die unkultivierte Wildnis dem König, später auch dem Landesherrn. Dieser Rechtsanspruch wird durch "private" Siedlergruppen ausgehöhlt und unterlaufen, die aus der Verwandlung von ungenutztem Boden in Kulturland Anspruch auf eine verbesserte Rechtsstellung und vor allem Eigentumsrechte auf den gerodeten Boden anmelden.
In der Innerschweiz führt diese Auffassung im Grenzgebiet zwischen Schwyz und Einsiedeln zu schweren langwierigen Konflikten, deren Austragung die Bildung der Eidgenossenschaft nicht unwesentlich fördert.
Der Bevölkerungsdruck ist in der Innerschweiz bereits im 11. Jahrhundert so gross, dass marginale Böden besiedelt werden. In dieser unwirtlichen Siedlungszone gibt es viele Rodungsbauern mit einer schmalen Existenzgrundlage, die von einem Grundherrn nur schwer erfasst werden können. Diese Berg- oder Waldleute leben als freie Bauern, ihnen fehlt jedoch auch der herrschaftliche Schutz.

Idealschnitt durch ein Alpental im Mittelalter:
A Auenwald
B Dauersiedlung
C Ackerfluren
D Bannwald
E Rodungszone, Maiensäss
F Ursprüngliche Alpweide oberhalb der Waldgrenze
G Fels und Eis

Urwald im Muotatal.
Kirche des Klosters Muri, im 11.Jh. von den Habsburgern gestiftet. Rodungstätigkeit wird im Mittelalter oft von den Klöstern geleitet.

Marchenstreit

Bei der Erschliessung neuen Landes kommt es besonders an Passübergängen zu Übergriffen auf benachbarte Herrschaftssphären, die zu Grenzkonflikten, sogenannten Marchenstreitigkeiten, führen. Entscheidend für die Entstehung der Eidgenossenschaft ist der Marchenstreit zwischen Schwyz und dem Kloster Einsiedeln.
Die Habsburger sind als Landgrafen des Zürichgaus Schirmherren der Schwyzer und seit 1283 Kastvögte des Klosters Einsiedeln. Damit befinden sie sich in der unangenehmen Lage, sowohl den Schwyzern als auch dem Kloster Schutz und Schirm gewähren zu müssen. König Rudolf löst diese undankbare Aufgabe, indem er beide Parteien zur Mässigung anhält. Dadurch umgeht er einen offenen Konflikt, in welchem er eine schwierige Entscheidung hätte treffen müssen. Viele Schwyzer, darunter auch Teile der Führungsschicht, lehnen diese Haltung ab. Sie erwarten von einem Schutzherrn, dass er ihre Interessen im Streit mit dem Kloster nachdrücklich vertrete. Vor allem in Schwyz dürfte man um 1291 von einer Fortführung oder gar Erweiterung der habsburgischen Landesherrschaft wenig gehalten haben. Deshalb nehmen sie die Wahrung von Schutz und Schirm selbst an die Hand.

Brächalp und Ortstock. Zwischen den Urnern, Schwyzern und Glarnern vom 12. bis 15. Jh. umstrittenes Weidegebiet.

Bau eines Verhaues auf einer umstrittenen Grenzlinie.

Gamsboden ob Hospental an der Nordrampe des Gotthardpasses. 1331 von den Urschnern nach einem längeren Weidekrieg den Leuten aus der Leventina entrissen.

Idealbild des thronenden Kaisers, umgeben von den sieben Kurfürsten. Berner Chronik des Diebold Schilling.

Der König von Frankreich empfängt Schweizer Söldner. Das Bild bringt zum Ausdruck, dass der französische König unter dem Schutz der Schweizer Söldner steht. Nach der Luzerner Chronik des Diebold Schilling.

Schloss Sargans, seit 1483 Wohn- und Amtssitz eidgenössischer Landvögte.