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GWS Geschichtswerksttte GmbH 2000 100 Jahre Pestalozzigesellschaft
     

Mit dem 100-Jahr-Jubiläum endete der Auftrag, die Persönlichkeit von Stefan Gschwind und die Entwicklung seiner Pestalozzigesellschaft aufzuarbeiten. Die nachfolgenden Materialien wurde zum Jubiläum veröffentlicht.

August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Stefan Gschwind

Auf den Spuren eines unternehmerischen Weltverbesserers aus dem Leimental verfolgen wir die gewaltige Entwicklung der letzten hundert Jahre. Stefan Gschwind war Sozialist, Genossenschafter, Gemeinde-, Land- und Nationalrat, exkommunizierter Gatte und Vater, Wohltäter und Unternehmer – passt das alles zusammen?

In seinen testamentarischen Aufzeichnungen kommentiert Stefan Gschwind:

"Als ich jung war, war ich ein armer Teufel, Pläne hatte ich aber im Kopfe, wie sie nur der eifrigste Weltverbesserer haben konnte. ... Man hörte mich an, machte aber dazu ein langes Gesicht. Nicht einmal zum Nachtwächter hätten sie mich gewählt, die guten Bürger von Oberwil. Später dann, als mein Besitz sich mehrte, wählte man mich in alle Ämter, die ich mir nur wünschen mochte. Wie oft habe ich über den Wandel der Gesinnung lachen müssen."

Zur Biographie

Hinweise auf das Leben und Wirken von Stefan Gschwind sind bis heute erst in begrenztem Masse zugänglich. Dennoch können wir einige interessante Lebensstationen dieses Mannes festhalten.

Stefan Gschwind  wurde im April 1854 in Therwil geboren. Seine Kinder- und Jugendzeit war durch ein katholisches Umfeld geprägt worden. Nach dem frühen Tod des Vaters lastete eine grosse Verantwortung auf dem Knaben. 1866 besuchte er die Bezirksschule und machte anschliessend eine Ausbildung als Maschinenbauer. Seine Lehr- und Wanderjahre führten ihn ins Wiesental und in die Städte Zürich, Trier und  München. Mit  22 Jahren kehrte er zurück  in die Heimat. Der da von den Wanderjahren zurückgekommen war, war ein entschlussfreudiger, politisch und sozial interessierter Zeitgenosse. Zusammen mit seinem Schwager kaufte er die durch einen Brand stark in Mitleidenschaft gezogene Mühle von Oberwil. Er erwarb damit zugleich für ein Butterbrot das Wasserrecht. Die Mühle sollte zum Ausgangspunkt von Gschwinds weiteren vielfältigen Tätigkeiten werden.

Der Gatte und Vater


Im Mai 1878 heiratete der Vierundzwanzigjährige Marie Stingelin von Pratteln. Seine Frau stammte aus einer protestantischen Familie. Den neuen Hausstand gründete das junge Paar im "fremden" Oberwil. Von den fünf Kindern starben zwei im Kindesalter, die anderen wurden im reformierten Glauben erzogen. Die Erziehung der Kinder und der Haushalt oblagen grösstenteils der Mutter. Stefan und Marie Gschwind führten trotzdem eine moderne Ehe in dem Sinne, dass über vieles gemeinsam entschieden wurde. Landkäufe aus dem Ertrag der gutgehenden Geschäfte beispielsweise erfolgten im beiderseitigen Einverständnis und die Hypotheken wurden immer auf beide Ehegatten ausgestellt. Marie Gschwind unterstützte die Arbeit und Ideen ihres Mannes auf vielfältige Weise. Es wird bis heute erzählt, dass sie auf den zugekauften Landstücken mitgeholfen habe, die Steine herauszulesen.

Der Graben zwischen der Familie und dem Dorf wurde durch die von der Kirche ausgesprochene Exkommunion Stefan Gschwinds weiter vertieft. Stefan Gschwinds versöhnlicher Charakter liess jedoch keine ernsthaften Feindschaften entstehen. Der Kirchgemeinde Oberwil spendete er sogar einen Beitrag an die Erhöhung des Kirchturmes.



Der Unternehmer

In der Oberwiler Mühle errichtete Gschwind eine Sägerei, die er bald zum Baugeschäft "Gschwind & Grellinger" erweitern konnte. Die Konjunktur war günstig und der Betrieb profitierte vom Bauboom in den Städten. 1880 erfolgte bereits die nächste Firmengründung: die "Parquetterie Gschwind & Dettwiler".

Es folgten die Mechanische Ziegelei, die Florettspinnerei Angenstein, das Gabelwerk - die spätere Gschwind&Cie, die Werkzeugfabrik AG und die Basler Brotfabrik AG. Zudem beteiligte sich Stefan Gschwind an Gründungen im genossenschaftlichen Umfeld, etwa an der Elektra Birseck und an der Elektra Baselland.

Der Genossenschaftspionier


Die Eisenbahn ermöglichte den Import günstiger Nahrungsmittel, in der Landwirtschaft setzte sich vermehrt die Graswirtschaft durch, die weniger Arbeitskräfte benötigte. Diese Arbeitskraft wurde von den Fabriken in den Städten mühelos aufgesogen. Die Städte wuchsen rasant heran, die Fabrikarbeiter brauchten neuen Wohnraum und neue Einrichtungen zur Versorgung. Vorallem die Wasserversorgung wurde zu einem zentralen Problem. Stefan Gschwind reagierte auch auf dem Land auf die rasch wachsende Gesellschaft. Er gab den Anstoss zu herausragenden Werken, die eine bessere Lebensqualität für Alle versprachen, so etwa zum  Bau der Gemeindewasserversorgungen oder der Birsigtalbahn.

Stefan Gschwind versuchte aber auch, gute Preise für die Produzenten und günstige Einkaufsbedingungen für die Konsumenten zu schaffen. Die Ausschaltung jeglichen Zwischenhandels stand dabei als Gedanke im Vordergrund. So ging aus der Milchgenossenschaft Oberwil der Konsumverein und 1895 die Birseck'sche Produktions- und Konsumgenossenschaft hervor. Eine Seifenfabrik, eine Brennerei und eine Sparkasse waren darin ergänzende Elemente. Letztlich ging Gschwinds Unternehmen in der COOP-Gruppe auf.

Internationale Anerkennung erntete Stefan Gschwind mit der Idee der genossenschaftlichen Verteilung von elektrischer Energie. In diesem Sinne engagierte er sich bei der Gründung der Elektra Birseck. Die günstigen Tarife der EBM waren denn auch über Jahrzehnte hinweg in- und ausländischen Monopolisten ein grosses Ärgernis.

Der Sozialist

Bereits in der Bezirksschule, vermehrt aber auf seinen Wanderjahren kam Stefan Gschwind mit sozialen Fragen in Berührung, Er  war besonders angetan von Wilhelm Liebknechts Ausführungen zur Agrarfrage, einem damals virulenten Thema. Das Bodenrecht wurde später zu einem zentralen Thema seines eigenen politischen Handelns.

Gschwind engagierte sich im Grütliverein, und ab 1888 in der neu gegründeten sozialdemokratischen Partei. Praktisch tätig war er zuerst auf der Gemeindeebene. 1887 wurde er Verfassungsrat, 1890 Landrat und von 1899 bis 1903 Nationalrat.

In der jungen SPS diskutierte man die Frage, wie die Gesellschaft verändert werden soll und kann. In diesen Richtungskämpfen setzte sich Gschwind für einen Weg der Reformen und der kleinen Schritte ein. Er hielt nichts von einer revolutionären Veränderung und glaubte nicht an eine Veränderung des Staates von oben nach unten. Die Oberwiler Sektion stellte daher am Parteitag von 1895 einen Antrag auf Statutenrevision. Man wollte auf die Verstaatlichung der Landwirtschaft, des Gewerbes und der Industrie verzichten und diese Bereiche genossenschaftlich organisieren. Doch Stefan Gschwind drang mit seiner Ansicht, die Gesellschaft müsse von unten nach oben verändert werden, nicht durch. Sein Modell, durch die Befriedigung der ökonomischen Bedürfnisse auf genossenschaftlicher Basis würde die Mehrheit der Menschen sozialistisch geschult und so von selbst eine sozialistische Rechtsordnung entstehen, wurde nicht angenommen. Ausgegangen war Gschwind von der Erfahrung, dass kein theoretisches Argument so zu überzeugen vermochte wie der Erfolg. Diesen Erfolg konnte er mit seiner  Produktions- und Konsumgenossenschaft vorweisen.



Internationale und nationale Kontakte

Bismark und seinem «Sozialistengesetzt» haben wir es zu verdanken, dass international führende Persönlichkeiten immer wieder ins Exil mussten. Einige kamen auch zu Stefan Gschwind, der ihnen auf dem Gut «Thannwald» bei Mariastein Unterkunft anbot. Darunter waren  Leo Aarons, August Bebel, Franz Fränkel, Wilhelm Liebknecht, Hans Müller, Theodor von Wächter und Nicklaus Wassiljeff. Es scheint, dass Gschwind sich mit seinen internationalen Gästen gut verstand und man sich gegenseitig anerkannte. Noch mehr als seine Vorträge, die er zum Teil im Rahmen von Vortragszyklen auch am Polytechnikum in Zürich hielt, machten ihn seine praktischen Arbeiten bekannt. So wurde Oberwil zu einem «Pilgerort» für alle, welche sich mit dem Auf- und Ausbau von Genossenschaften befassten.

Im 1892 gegründeten Bauern- und Arbeiterbund versuchte Gschwind alle diejenigen zu organisieren, die unter der Bodenverschuldung und den zu hohen Lebenskosten litten. In den ersten Jahren nutzte er als Zeitungsredaktor des " Bauern- und Arbeiter- Bundes" die Chance, die Ideen der sozialen Genossenschaften zu verbreiten. In der Zeit des Klassenkampfes waren Information und Aufklärung mittels Zeitungen ein bedeutendes Mittel der politischen Arbeit.

Seit 1888 verfolgte Gschwind das Ziel, die drückende Verschuldung zu mindern. Landwirtschaftliches Land und Häuser waren etwa zur Hälfte so sehr mit Hypotheken belastet, dass der Zins den Lohn der Arbeit wegfrass. In mehreren Schritten verfolgte er den Weg zur Verstaatlichung von Grund und Boden. Der Information folgte die politische Arbeit im Landrat. 1896 wurde die Gesetzesinitiative zur Monopolisierung der Hypotheken durch die Kantonalbank eingereicht. Nachdem jedoch mehr als 70% der Kantonsbürger das Vorhaben ablehnten, wechselte Stefan Gschwind die Strategie. Er wollte die Ziele in seiner Gemeinde umsetzen und damit ein funktionierendes Beispiel schaffen.



Der "Frei-Land-Bund" Oberwil

Zusammen mit  seiner Frau und drei Freunden gründete Stefan Gschwind am 30. Dezember 1896 einen Geheimbund. Dessen Mitglieder kauften innerhalb von vier Jahren viele kleine Grundstücke, für welche sich keine anderen Käufer fanden. Insgesamt kamen so etwa 15% des landwirtschaftlichen Bodens der Gemeinde in ihren Besitz. Die Grundsätze waren einfach: Es wurden nur Landstücke gekauft, deren Pachtzins höher war als der notwendige Bodenzins. Bei dem herrschenden Überangebot kam es vor, dass die Verkäufer ihr Land unter der eigenen Belastung verkauften. Finanziert wurden die Käufe durch einen Kredit von Stefan Gschwind und mit Hypotheken auf den bereits erworbenen Landstücken. Nach vier Jahren betrug der Wert der 296 Landstücke und der darauf stehenden Liegenschaften beträchtliche Fr. 300'000.-
Die ursprüngliche Absicht, dieses Land der Produktions- und Konsumgenossenschaft Oberwil zu übertragen und in der Form kleiner Pachthöfe zu vergeben wurde nicht verwirklicht. Der Wandel in der Landwirtschaft war zu weit fortgeschritten und derart kleine Höfe boten keine Existenzmöglichkeit mehr. Der "Frei-Land-Bund" Oberwil schaffte es nicht mehr zum breit nachgeahmten Vorbild. Einzig Bernhard Jäggi nutzte die Vision bei der Gründung des "Freidorfes" Muttenz.



Die Pestalozzigesellschaft Oberwil

Am 21. April 1900 wurde in der konstituierenden Sitzung der Pestalozzigesellschaft Oberwil der überwiegende Teil des Landbesitzes aus dem "Frei-Land-Bund" einem eigenen Verein übertragen. Der Pestalozzigesellschaft blieben nur wenige Jahre unter der initiativen Führung ihres Gründers Stefan Gschwind, der am 28. April 1904 verstarb.

Aus den 300 kleinen Grundstücke und den vielen Pachtverhältnissen entstanden die beiden Höfe "Neuhof" und "Widmerhof", die bis heute zwei Familien eine Existenzbasis sichern.

Bis zum Aufbau der staatlichen Sozialwerke versuchte die Pestalozzigesellschaft mit ihren bescheidenen Mitteln, Armut und Not zu lindern. So gehörten zu den Errungenschaften der ersten 50 Jahre  der Aufbau einer Kleinkinderschule, des   heutige Kindergartens , und die gemeinnützige Krankenpflege des ebenfalls 1900 gegründeten Frauenvereins. Fünfzig Jahre später war vieles anders geworden. Die Stefanstrasse wurde in Stefan-Gschwind-Strasse umbenannt, da vielen Einwohner der "Steffen" kein Begriff mehr war. Der Strukturwandel der Landwirtschaft war weit fortgeschritten und immer mehr Menschen arbeiteten in den Betrieben im Dorf oder in den Fabriken in Basel. Die staatlichen Sozialwerke waren im Aufbau begriffen und die ersten AHV - Renten wurden ausbezahlt.



Das Weiterwirken

"Es ist anno 1896. Droben beim Schwanenbrunnen stehen erregte Oberwiler Bauern in grünem Liestaler Halbleinen. Wild lodern ihre Blicke und unbändig fuchteln ihre Arme in der Luft umher. Hin und wieder ballt sich eine Hand zur Faust und weist in drohender Gebärde die Mühlegasse hinunter, gegen die alte, abgeflammte Mühle, auf deren Ruinen ein  Therwiler eine Säge errichtet hat. Einer, Hass spricht aus deinen markant geprägten Zügen, murmelt verbissen: Das Land stiehlt er uns weg. Ein anderer brummt: In Therwil hätter er das nie gekonnt ! Der Erpresser!" Mit diesen Worten leitete Lehrer Hügin seine Ansprache zur Gedenkfeier von 1954 ein und er fuhr fort mit der Schilderung des Begräbnisses, welches einen ehemaligen Bundesrat,  viele Stände-, National- und Regierungsräte, Offiziere und Professoren, Direktoren und Arbeiter zusammenführte: "Eine ärmlich gekleidete Frau, die bei den Buben steht und ein Kind auf den Armen trägt, bricht in Tränen aus und schluchzt: Er war ein guter Mann! Er gab meinem Gatten Arbeit und damit der Familie Brot, und mir, wie manchmal war er in meiner Geldnot meine letzte Zuflucht. Wie manches Geldstück hat er mir stumm, in die bittende Hand gelegt ... ." Mit diesen beiden farbigen Bildern waren die um die Jahrhundertwende in Oberwil gepflegten Meinungen über Stefan Gschwind in Worte gefasst.

Wohltätigkeit und Kultur

In engem Kontakt mit dem Sozialdienst der Gemeinde und ergänzend zu den staatlichen Leistungen pflegt die Pestalozzigesellschaft heute das wohltätige Engagement. Sie ist nicht mehr die alleinige Retterin in der Not und dennoch ist ihre Unterstützung sehr gefragt und notwendig.

Grösseres Gewicht hat in den letzten Jahren das kulturelle Engagement erhalten. Beiträge an Schulausflüge und Vereine, sowie in jüngster Zeit eigene Projekte zur sinnvollen Gestaltung der Freizeit oder zur Erhaltung der Dorfgeschichte für die nachfolgende Generation bilden dabei die Schwerpunkte.

Gegenwärtig zählt die Pestalozzigesellschaft  95  Mitglieder, die sich einmal jährlich treffen und dabei über ihre Beiträge zum sozialen und kulturellen Engagement entscheiden.